Der
1984 geborene Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist Johannes Franzen,
hier der Einfachheit halber Jo genannt, tat sich am 20. September 2024 auf X
mit diesem bedeutungsschweren Post hervor: „Frühherbst
heißt, eine kühle Cola am Rhein trinken und über unsere Kultur sinnieren.“
Im
allgemeinen alltagsbanalen Geposte jener Tage auf X über den Umschlag des
Sommerwetters meinte auch Jo seinen Anteil am Wettergespräch und zur Definition
des Herbstes in seiner frühen Erscheinungsform leisten zu müssen.
Die
„kühle Cola“ spricht allerdings für noch relativ warme Außentemperaturen, die
dem Spätsommer eigen sind. Hätte es dann nicht eine „kalte“ Cola sein müssen?
Trinkt Jo die Cola so frühherbstlich kühl wie die Außentemperatur oder meint er
mit kühl: aus dem Kühlschrank?
Auf
der Grenze des Übergangs vom späten Nachmittag zum frühen Abend meldet Jo
jedenfalls um 5:21 PM, mitten im Sinnieren, vermutlich mit sich allein, den
Konsum der kühlen Cola, so dass der Leser von einer noch vorhandenen
spätsommerlichen Restwärme ausgehen darf, in der sich die frühherbstliche Kühle
erst verhalten andeutet.
Zweifellos
gehört es für Jo zur näheren Bestimmung des Frühherbstes, dass die kühle Cola
am Rhein getrunken wird. Weil Bonn auf seinem X-Account immer wieder als Ort
des näheren persönlichen Bezugs genannt wird, darf der Leser sich eine Stelle
am Rheinufer mit nahem Kiosk für den Kauf der Cola oder einen Biergarten, der
auch Cola kühl vorrätig hält, am Ufer im Bonner Stadtgebiet vorstellen.
Die
Bestimmung des Frühherbstes durch das Trinken einer kühlen Cola am Rhein ist
unvollständig. Dazu gehört für Jo noch das Sinnieren „über unsere Kultur“.
Literatur- und Kulturmensch bis ins Mark, sinniert Jo ausgiebig und vielfältig
über das, was er „unsere“ Kultur nennt. Was ist dem Jo seine Kultur, die auch
„unsere“ ist? Sinniert er einmal mehr gegen diese eingebildeten Genies zu Felde
und hat dabei den deutschen Michel, der ihn im Biergarten zahlreich umgibt, als
Orientierungsmuster unserer Alltagskultur vor Augen? Oder ist Jo in seiner
Wacht am Rhein dermaßen imaginär vom Ort affiziert, dass er im hochkulturell
sinnierenden Blick nach innen nichts mehr außen wahrnimmt? Im Kopf von Jo
fließt quasi der innere Rhein im Sinnieren über unsere Kultur.
Die
Frage nach dem Gegenstand seines Sinnierens hat unmittelbar zu tun mit der
Cola, die Jo trinkt. Warum trinkt Jo überhaupt Cola? Welcher Trinkkultur
unterliegt er? Ist es gar ein frühherbstlich subversiver Akt, von dem Jo uns
berichtet, der ihn am Rhein statt Wein Cola trinken lässt? Will er es uns
zeigen, uns erzkonservativen Kulturdeutschen, denen sich traditionell doch nur
Wein auf Rhein reimt? Und wenn schon süß, warum Cola und kein Eiswein? Verträgt
er nichts? Muss er noch fahren?
Egal
ob unbewusst naiv oder reflektiert subversiv: der Begriff „unsere Kultur“
dieses coolen Cola-Trinkers unterliegt der oberflächlichen amerikanischen
Signatur, der Banalisierung von Kunst, Kultur und Lebenswelt und verweigert
jede tiefergehende Bindung mit Deutschland als kulturellem Sonderfall
Europas.
Polemisch
formuliert, lässt sich doch ohne Wein überhaupt nicht hochkarätig sinnieren,
geschweige denn über unsere Kultur, egal wo und zu welcher Jahreszeit. Zum
frühherbstlichen Sinnieren wäre ein fruchtiger, leicht gekühlt zu trinkender
Spätburgunder vom Fluss weiter oben keine schlechte Wahl gewesen. Mit
vierzig sollte ein Geisteswissenschaftler wie Jo diese terrismische europäische
Kulturtechnik des Insichgehens längst nachhaltig beherrschen, statt sich am
Rhein dem trivialen Cola-Rausch hinzugeben und dem vielfältig kultivierten Frühherbst
ein ihn so reduzierendes Etikett anzuheften.
Ein
verstorbener Freund, der im Bonn der 50er Jahre seine kulturelle
Grundausbildung bei den Jesuiten erhielt, hat mir vor Jahrzehnten aus seinem
Erfahrungsschatz den Begriff des kontemplativen Weins vererbt. Ein
kontemplativer Wein offenbare als Solist sich im Trinkverlauf der Flasche dem
Sinnierenden in seiner geschmacklichen Reichhaltigkeit. Zugleich befeuere solch
ein Wein beim Konsumenten das Vermögen – mit sich allein – den kulturellen Resonanzen
nachzusinnen, den sich dabei einstellenden Gedanken und Assoziationen.