Das
Verfahren, einzelne Motive eines Interviews von Neo Rauch (NZZ, 17.6.23) in
ihrem vermeintlichen Zusammenhang einer bestimmten politisch-ideologischen
Prägung zuzuordnen, ist seit Wolfgang Ullrich gängig. Dabei ist dieses Verfahren
der verallgemeinernden Zuordnung aufgrund von vorab typisierten
Familienähnlichkeiten dem individuell und situativ Gesagten wenig adäquat,
sondern eine politisch inspirierte, zwanghafte Hineinprojizierung.
Wenn
Neo Rauch über die Verfertigung seiner Bilder spricht, ist das keine
Aneinanderreihung romantischer und autonomieästhetischer Klischees zum Zweck
der Selbststilisierung und -legitimation. Seine sprachliche Aufführung scheint
sich aus konkreten Produktionserfahrungen zu speisen und nicht auf der
Reproduktion von eingefahrenen Vorstellungen zum Zweck des Marketings zu
beruhen. Die von ihrem Selbstverständnis her modernen Kritiker tendieren häufig
dazu, seine Vorgangsbeschreibungen des Malens als plakative Repräsentation
eines überkommenen Kunstbegriffs zu verstehen. Die übersinnliche Dimension, von
deren individueller, produktiver Erfahrung beim Malen Rauch berichtet, gilt
vielen Kritikern im Zeitalter der Entzauberung als inexistent. Deshalb könne
sie nur eine werbewirksame Masche des künstlerischen Selbstentwurfs als
autonomes Genie sein. Aber was ist, wenn der kontemplative Akt des Malens doch
von einer individuellen Traumlogik abhängt, von ihr begleitet und getrieben
wird? Es gibt große Schriftsteller, die für ihr Schreiben ähnliche
Abhängigkeiten zu Protokoll geben.
Dem
entgegen bescheinigt etwa der junge Literaturwissenschaftler Johannes Franzen (
https://54books.de/boxer-wodka-genie-die-auswuechse-des-kunstgeredes/ ) dem
NZZ-Interview und Neo Rauch eine Inszenierung des Geniekultes. Aus
Individualismus wird bei Franzen im Extrem Geniekult, Genies würden gemacht.
Boxsack, Hemingway und Wodka im Atelier von Rauch werden in ihrer
klischeehaften, allgemeinen Kennzeichnung des draufgängerischen Genies
begriffen, statt sie nach ihrer spezifischen Bedeutung im Rahmen der Prägung
von Rauch durch die DDR-Kultur zu befragen. Unter russischem Kultureinfluss hat
Wodka sicherlich eine andere Bedeutung und zur eigentümlichen Wahrnehmung
Hemingways in der DDR gäbe es für den Literaturwissenschaftler einiges zu
finden. Franzen liest das, was Rauch sagt, nicht als Ausdruck einer
persönlichen Erfahrung, sondern nur als Selbstinszenierung, als rhetorische
Strategie, im Ganzen als „bildstarkes Raunen“.
Aus
der Position der Entzauberung wird die Rede, die nicht aus dem hellen Licht von
Massendemokratie und Rationalität ergeht, als Raunen markiert. Wenn Rauch
seinen Schaffensprozess in romantischer Tradition beschreibt, dass Dinge in ihm
aufscheinen, er prophetischen Momenten unterliege, er überzeitlich relevante
Motive des kollektiven Unbewussten empfange, die durch ihn hindurchziehen, er
sich in einem somnambulen Zustand bei der Empfängnis der Bilder empfinde, um
dann on top, gegen Kassels documenta gerichtet, auch noch die vom Individuum
ausgehende Autonomie der Kunst zu behaupten, dann erscheint den Entzauberten
sein Geraune als so angeschwollen, dass folgerichtig die politische Einordnung
ins rechte Lager ergeht: denn nur die Braunen raunen!
Selbst
wenn Rauch seine Schaffensprozesse einmal explizit phänomenologisch,
tagebuchartig und detailliert, als Ausfluss taghell anwesender Romantik, unter
Vermeidung aller ideologisch belasteten Signalbegriffe der Verzauberung, als
tatsächlich gegeben beschriebe, bekäme er wahrscheinlich im tristen
diesseitigen, linksgestrickten deutschen Schattenreich der Entzauberung keinen
Kredit. Die Frage nach dem richtigen Entstehungsprozess von Kunst scheint in
der Prosa der Verhältnisse längst entschieden. Wenn Rauch zudem auch noch, eher
emotional und unbeherrscht, tagespolitische Einlassungen von recht
konservativem Zuordnungspotential einfließen lässt, um öffentlich Dampf
abzulassen, dann ist die Sache ganz klar, und er bekommt von der herrschenden
Mehrheit im Block gesagt, wo er als Künstler und Bürger steht, obwohl er sich
selbst dort nicht postiert sieht und noch nie begegnet ist.
Es
ist wohl zu viel verlangt, sich von Rauch ein sein Schaffen begleitendes
Tagebuch zu wünschen, in dem er für die im Umgang mit der Einbildungskraft
ungeübten Mechaniker beschriebe, wie ein Bild im Dialog mit ihr entsteht: eine
didaktisch orientierte Anleitung zur Wahrnehmung von produktiven Aspekten in
der Erschaffung eines Bildes, die aus der kontemplativen, träumerischen,
vernetzenden Einlassung mit ihm in seiner Herstellung erwachsen. Wenn diese
Prozesse mal immer so klar wären, dass man sie zu fassen bekäme und notieren
könnte!
Wie
Wolfgang Ullrich ist Johannes Franzen nicht willens oder in der Lage, die
natürlich an die Person gebundene Dimension der Imagination in ihrer Autonomie
als Antrieb der Entstehung von Kunst überhaupt zu denken. Sein
literaturwissenschaftlicher Aufenthalt im Allgemeinen ist mangels eigener
Erfahrung und Anschauung im kreativen Bereich blind und taub für Dimensionen
von Produktivität, die sich der souveränen Planung des Produzenten entziehen.
Die romantische Dimension von künstlerischer Produktivität ist nicht dunkel
raunend und irrational, sondern flüsternd und taghell, immer dann präsent, wenn
das Regiment des Schaffens der Kombinatorik von Phantasie oder Traum
unterliegt. Die Anerkennung von romantischer und autonomer Produktivität bei
der künstlerischen Arbeit auf Seiten des Betrachters ist schon immer abhängig
von der Glaubwürdigkeit: dass es so etwas überhaupt gibt! Neo Rauch beteuert
und wiederholt, nicht immer unverdrossen, die Existenz dieser verzaubernden
Dimension. Doch die Wiederholungen seiner Arbeitsplatzbeschreibung werden aus
dem Umkreis der Banalität als Masche, Klischee oder Kunstreligion abgetan. Er
weist zurecht darauf hin, dass gerade die von ihm gelebte singuläre
Produktionsform von Malerei romantisch geprägt sein muss und mit den Einwirkungen
der Einbildungskraft rechnet, in der Haltung sie einlädt und erwartet, sie aber
auch unerwartet in Empfang nimmt.
Natürlich
begreift er sich nicht romantisch verkitscht als Medium oder gar Seher, doch
mit dem Sensorium für innere und äußere Bilderwelten vermag er malerisch
Signaturen unserer Zeit einzufangen, deren Ansicht die Betrachter sinnlich und
weltweit in Bann zieht. Rauch greift bei seiner Arbeit weder auf fototechnische
noch digitale Mittel zurück, sondern bleibt konservativ bei Pinsel und Farbe,
um seine offenbar überall wirkende Bildersprache auf die Leinwand zu bringen.
Der rätselhafte, farbintensive magische Realismus der Bilder legt es auf breite
Resonanz beim Publikum an und nicht auf kunsttheoretische Vorkenntnisse als
Bedingung des Genusses ihrer Betrachtung.
Rauch
hat zuletzt bei einem Gespräch mit Simon Strauß auf der Ettersburg (10.12.23)
im Gefühl der Ungläubigkeit des Publikums beinahe zu plakativ auf sein Bild
„Uhrenvergleich“ aus dem Jahr 2000 hingewiesen, das in seiner Bildlichkeit
offensichtlich den 11. September vorwegnehme, als ob ihm die ikonographische
Signatur im Vorfeld dieses weltgeschichtlichen Ereignisses zugeflogen sei.
Dieses Bild schmückt passend den Umschlag des 2004 erschienenen Buches
„Philosophie in Zeiten des Terrors“, in dem Jürgen Habermas und Jacques Derrida
ihre Überlegungen zur radikal veränderten Welt nach dem 11. September
veröffentlichten. Als Statement, auch zum aktuellen Terror, scheint in diesem
Bild eine zeitlose Wahrheit auf, schlägt uns doch auch hier und heute beim
Uhrenvergleich globalisiert des Terrors Stunde: im gleichen Augenblick! Derrida
nimmt 2004, unter Rauchs Bild in seiner unheimlichen Vorwegnahme vom 11.
September, die aktuellen Ereignisse des Massakers der Hamas vom 7. Oktober 2023
und danach vorweg:
„Ob
im Irak, in Afghanistan oder selbst in Palästina, die „Bombardierungen“ werden
nie „intelligent“ genug sein, um zu vermeiden, daß die Opfer (militärische
und/oder zivile, eine weitere, immer weniger vertrauenswürdige Unterscheidung)
persönlich oder in Vertretung zurückschlagen mit dem, was sie leicht als
legitime Repressalien oder als Gegen-Terrorismus ausgeben können. Und so bis
ins Unendliche…“ (S.134)
Prägnanter
kann man diesen allgegenwärtig gültigen Teufelskreis nicht denken und Neo Rauch
hat mit „Uhrenvergleich“ einen besonders signifikanten Ausdruck der weltweiten
Gleichzeitigkeit des Terrors ins Bild gesetzt.