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Wertung und Stimmung                     

Am 4. Oktober 2024 republiziert der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen auf X ein Foto des Schriftstellers Michel Houellebecq vom Account Roger Boylan, der es übertitelte: „Michel Houellebecq having a smoke over morning coffee and croissants.“
Der, von heute aus betrachtet, jüngere Michel sitzt bei kalter Witterung des Morgens im roten Vorzelt eines Pariser Straßencafés und raucht eine Zigarette. Die Cafétassen wirken geleert, ein Croissant liegt übrig gelassen im Körbchen. Er hat, der Größe der Tassen nach zu urteilen, café double oder américain getrunken, seine Begleitung, die fotografiert, café noir.

Die Beine übereinandergeschlagen, stützt er sich leicht nach vorn gebeugt mit dem rechten Unterarm auf seine Oberschenkel. Der linke Ellenbogen ruht auf der Hüfte, der Unterarm ragt im spitzen Winkel mit der Zigarette zwischen Mittel- und Zeigefinger nah vor das Gesicht, jederzeit bereit zu inhalieren.

Hielte Michel keine Zigarette zwischen den Fingern, könnte er seinen Kopf leicht beugen und in die Hand legen: eine rauchende Selbstinszenierung als Ikone der Melancholie. In der Selbststilisierung als Denker und Schriftsteller geht der Blick im Alleinsein nach draußen ins Innere seiner selbst. Die Tischreihe hinter ihm ist unbesetzt – als ob er der einzige Gast wäre.
Dieses Foto Houellebecqs von Daniel Mordzinski, in dem die legendäre Pariser Kaffeehaus-Kultur mit einem ihrer Ureinwohner aus der Welt der Literatur im Genuss einer Zigarette sinnbildlich wird, motiviert Jo Franzen, den Mitarbeiter germanistischer Seminare an deutschen Universitäten, zu dem subjektivistischen Statement:
„Mega eklig um die Zeit schon ne fluppe wegzuziehen, vor allem bei dem Wetter, kann das Stimmungstief, das gleich kommt, richtig riechen.“
Ist das alles, was ihm dazu einfällt? Nach der Lektüre dieses Satzes einmal tief durchatmen, nochmal lesen, das unvermittelt ausgelöste Kopfschütteln ausklingen lassen und den Satz so auseinandernehmen, dass er unwiederholbar wird.
Der 40jährige Jo verliert im Anblick des rauchenden, heute auf die 70 zugehenden Michel jegliche Contenance.In Verwendung des Raucherjargons, „ne fluppe wegzuziehen“, signalisiert er anbiedernd-abwertend Kennerschaft des quarzenden Milieus und eigene Raucherfahrung, um überzeugend seinen riesengroßen Ekel vor dem Nikotingenuss auszudrücken. Und dann auch noch „um die Zeit schon“! So früh am Morgen, „vor allem bei dem Wetter“ zu rauchen, ist für Jo ganz extrem mega eklig.
Was motiviert diese rigorose Stellungnahme? Zunächst einmal: Jo hat eine Vorstellung, aber keine Ahnung vom Rauchen. Sonst wüsste er, dass Michels Zigarette im Pariser Café nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Inszenierung seiner selbst als Écrivain, sondern auch für die Erstellung dieses Fotos traditionelle Relevanz hat und zu Croissant und Café auch tatsächlich besonders gut harmoniert und schmeckt. Natürlich nur für den passionierten Raucher, nicht für den Möchtegern.
Darüber setzt ihn der Follower Torben in Kenntnis: „Die erste Zigarette am Tag mit nem Käffchen dabei ist 1000% unter den Top3 Kippen am Tag…“
Nach der Lektüre dieses Postings eines erfahrenen Kenners schwächt Jo, zurückrudernd, im Repost sein zuvor allgemein gültig formuliertes, barsches Urteil deutlich ab: „Bei mir ist der Tag dann gelaufen. Bewundere irgendwie wenn man das kann.“
Eine Zigarette beim Kaffee am frühen Morgen und ihm werde dermaßen anders, dass der Tag gelaufen ist, heißt nun die um Verständnis werbende Botschaft, aufgepeppt mit einer Prise Bewunderung für den, der das draufhat. Statt harter, generalisierender Ächtung jetzt das Eingeständnis eigener Schwäche und „irgendwie“ doch die eigentlich unverdiente Verehrung für den, der es kann.
Von dem Wetter als wesentlichem Faktor für den Mega-Ekel ist bei Jo nun keine Rede mehr. Michel sitzt winterlich warm angezogen im Vorzelt des Cafés, draußen ist es grau, aber trocken. Was „vor allem bei dem Wetter“ seinen Ekel im Anblick der viel zu frühen Kippe am Morgen besonders ausmacht, bleibt das Geheimnis von Jo. Denn wirklich schlecht ist das Wetter für den, der genauer hinschaut, nicht.

Alltäglich kann jeder daherreden, wie es ihm einfällt und aus ihm herauskommt, muss aber mit der Frage rechnen, was den Redefluss im Hintergrund auslöst und antreibt. Jo vermeidet zu Beginn des zweiten Hauptsatzes das „ich“, um die Allgemeingültigkeit der folgenden Aussage durch den auch möglichen Einsatz eines „man“ zu steigern. Als Stellvertreter des „man“ kann Jo aus der Betrachtung der Szenerie des Rauchens im Pariser Café unter den von ihm imaginierten Umständen „das Stimmungstief richtig riechen“, „das gleich kommt“. Quasi als Strafe der Psyche für den sich selbst zugefügten ekligen Kick durch die frühmorgendliche Zigarette bei Kaffee und Croissant folge für Michel auf dem Fuße ein massives Stimmungstief, das von Jo in seiner Stärke nachgerade „richtig“ gerochen werden kann. Würde Michel nicht rauchen, wäre seine Stimmung bestens, ersparte er sich die drohende depressive Episode. Jo liest die fotografische Szene nicht unter ästhetischer Perspektive als Chiffre grundsätzlicher Melancholie, sondern unter psychologischem Blickwinkel als Selbstverschulden am depressiven Schub. 

Es verwundert: mit keinem Wort geht Jo, der Literaturwissenschaftler, auf die Person des Rauchers auf dem Foto ein. Er nennt ihn nicht beim Namen und schreibt seiner Ekel-Reaktion auf die Raucher-Szene keine Verbindung zu Michel Houellebecq ein. Dabei hat er sich mit ihm und seiner Literatur befasst. Findet Johannes Franzen etwa Michel Houellebecq im Spiegel seiner Literatur mega eklig und stellt sich blind für die ikonographische Adelung seiner Person im Foto als bedeutenden Vertreter der ehrwürdigen Pariser Caféhaus-, Kunst- und Literaturszene? Immerhin hat Houellebecq 1996 den Literaturpreis des legendären Café de Flor gewonnen und durfte dort, zusätzlich zum Geldpreis, ein Jahr lang täglich ein Glas Pouilly-Fumé trinken. Des Preisträgers Name ist im dazugehörigen Weinglas eingraviert. Das „Fumé“ im Namen dieses Weißweines von der Loire, ein gleichrangiger Bruder des in Deutschland bekannteren Sancerre, hat – für den Cola-Trinker Jo sei das gesagt – nichts mit dem Rauchen von Zigaretten zu tun. Diese Bezeichnung verdankt sich dem rauchigen Anklang in seinem Bouquet und Geschmack, der sich den Kreideböden verdanken soll, die von Feuerstein durchsetzt sind. Michel wird ihn für ein Jahr, zusammen mit einer Zigarette, beinahe täglich im Flor genossen haben, vielleicht auch schon am frühen Morgen.

Warum postet Jo das Foto überhaupt? Franzen nutzte Houellebecq im Februar 2019 für den Einstieg in seinen ZEIT-Essay über die zunehmende öffentliche Skandalisierung und Debatte von Literatur, die sich von der literarischen Qualität immer mehr ablösten. Um sich davon zu emanzipieren, rät Jo dort, die Lektüre des „neuen Houellebecq“ zu verweigern, und beschreibt Michels bisheriges Schaffen folgendermaßen: stilistisch mittelmäßig, Versatzstücke unappetitlicher Ideologien, Verdorbenheit, Hässliches und Verbotenes, öde Drastik trauriger Sexualität. Jo empfindet die Verlässlichkeit, mit der der „neue Houellebecq“ gekauft werde, als „deprimierend.“ Die Größe des erwartbaren Skandals stehe in keinem Verhältnis zum literarischen Mittelmaß des Werks. Der Wirkungszusammenhang von Ekel und tief deprimierter Stimmung wird schon bei dieser literarischen Bewertung offensichtlich und wiederholt sich bei Jo nur angesichts des auf dem Foto so früh morgens rauchenden Michel.

Einigen ZEIT-Kommentatoren dieses Essays ist die „Moralbeflissenheit“ des „nichtlesenden Junggermanisten“ Jo aufgefallen, der es wohl für seine „moralische Bürgerpflicht“ halte, sich abschätzig über Houellebecq zu äußern. In diesem Licht erscheint auch sein durchs Foto ausgelöstes, allgemein gehaltenes Raucher-Bashing moralisch aufgeladen und fungiert als Stellvertreterdiskurs seiner eigentlichen Houellebecq-Aversion. Franzen behandelt Michel rein soziologisch als Symptom des kulturellen Allgemeinen und hält sich vor lauter Ekel dessen Schreiben und Rauchen vom Leib, damit er nicht selbst ins gleiche Stimmungstief verfällt. Er hat das Foto von Michel gepostet, weil der Kultursoziologe in ihm, trotz seiner Einordnungen und Verschlüsse, keine Ruhe findet in der Begegnung mit dieser provokanten literarischen Gestalt. Die Skandalnudel Houellebecq bleibt entgegen aller kultursoziologischen Rationalisierungsversuche beharrlich, wie bei Loriot, am ureigenen Ressentiment von Jo haften. Die Nudel verschiebt sich ohne zu verschwinden und verdichtet sich bei Gelegenheit dieses Fotos in einem Post.
 
Ohne jeden erkennbaren Zusammenhang zu anderen Posts lädt Jo am 4. Oktober dieses Foto hoch und dröhnt, im Ekel sich windend, aufs Rauchen ab. Den Namen des Rauchers auf dem Foto nennt er selbst nicht. Wir werden Zeuge auch eines Generationenkonflikts, bei dem sich der junge, brave, angepasste Kulturwissenschaftler in seiner moralischen Korrektheit, vom Ekel angetrieben, subversiv gegen Michel, den alten, individualistischen Amoralisten wendet, der seine Existenz als Provokateur und schreckliches Kind der Literatur lebenslänglich unbeirrt durchhält. Houellebecq einhegen durch Nicht-Lektüre lautet die untaugliche Devise des ZEIT-Essays von Franzen. Existenziell betrachtet setzt Jo lediglich seine ziemlich geringen Zinsen auf dem Feld der Kulturwissenschaften ein, während Michel permanent und radikal, nicht immer auf hohem literarischem Niveau, sein Kapital künstlerisch produktiv verausgabt.

Der innere Zwang von Franzen, Literatur unbedingt auch moralisch bewerten zu müssen, sie im Einzelfall als seiner selbst gemäß zu identifizieren und zu behaupten oder als uninteressant und deprimierend abzuschätzen, ist offensichtlich. Als Kulturjournalist ist das naja, als Literaturwissenschaftler voll daneben. Er pflegt einen moralisch geleiteten, funktionalen, soziologischen Umgang mit Literatur und Kultur, der sich nicht für ihre hermeneutische Vielfalt und Tiefe interessiert. Dabei geht er ihn deprimierenden Erzeugnissen am liebsten aus dem Weg. 

Am 21.11.2021 twitterte Jo:„Wenn Max Frisch und Ingeborg Bachmann nicht so uninteressante Bücher geschrieben hätten, dann müssten wir unsere neugierigen Nasen jetzt nicht so tief in ihre deprimierenden Briefe stecken.“ Ästhetische Abwertung und libidinöse Verstimmung sind bei Jo ein Paar. Im Kinderbecken von Subjektivismus und Banalität können ihm die Vertreter von Klassik und Kanon nach Lust und Laune gestohlen bleiben. Er ist ein braver Colatrinker und Nichtraucher. 

Olaf Haas, 10.10.2024