Seltsam
behauptend und selbstsicher meldete sich André häufig unmittelbar auf Fragen
von Lehrern zu Wort, noch vor jedem anderen, um Aussagen zu tätigen, die bei
ihrer Banalität und Oberflächlichkeit einen Mehrwert in der Sache vermissen ließen.
So verschaffte er sich in der Oberstufe den Ruf eines regen, aufmerksamen
Mitgestalters des Unterrichts, der sich in den Noten zur mündlichen Mitarbeit
blendend rentabel machte. In Dankbarkeit für die unmittelbare Resonanz bewerteten
die Lehrer seine Präsenz, ohne die mangelnde Besonnenheit der Beiträge in Abrechnung
zu stellen.
Bin zu
langsam und der erobert den Raum, werde nicht registriert, aber dieser
Flachdenker steht im Rampenlicht und nimmt in der Klassenhierarchie einen der
vorderen Plätze ein: das war mit 15/16 Jahren die erste Mustererkennung des kommunikativen
Handelns eines anderen mit Analyse seiner Auswirkungen, aus der strategische Konsequenzen
fürs eigene sprachliche Agieren ergingen: schneller den Mund aufmachen, mutiger
den ersten Gedanken gleich in die Runde werfen, ohne groß nachzudenken, die
Arena entschlossener betreten. Nun kommt man aus einem eher nachdenklichen
Wesen heraus nicht so ohne weiteres ins Zentrum des kommunikativen Geschehens,
doch mit Übung und der Zeit verbesserte sich die Stellung auf den Foren des kommunikativen
Austauschs.
Eine
wesentlich bedeutsamere Mustererkennung ergab sich in zweifacher Ausführung später:
zu Beginn des Germanistik-Studiums gab es einen Kollegen, der sowohl im Seminar
als auch in den Gesprächen untereinander in souveräner Manier theoretische Ausführungen
machte, die enormen Eindruck von Kompetenz hinterließen. Mit der Zeit und
größer werdender Belesenheit wurde allerdings offensichtlich, dass Stephan die angelesenen
Quellen der Sekundärliteratur nicht verriet, sondern die erlangten Kenntnisse einfach
seinem Ich zuschlug und im Gestus eines autonomen Denkers als selbst
entwickeltes geistiges Eigentum ansichtig machte. Ob er überhaupt noch die
Bezugsquellen der einzelnen Motive seines ausgestellten Wissens im Kopf hatte?
Jahre danach,
Ende der achtziger Jahre im Weinhandel, stand der Oberbürgermeister der Stadt
im Laden und hielt aus dem Stehgreif im machtvollen Glanze seines Wissens dem jungen
Weinhändler ein Referat über den Madiran als deutlich preiswertere, doch qualitativ
ebenbürtige Alternative zum Bordeaux. In diskret gebliebener Kenntnis der
letzten Wochenendbeilage der FAZ, die sich ganzseitig mit diesem Thema
beschäftigt hatte, ließ sich dieses stadtväterliche Referat immerhin als
ordentliche Inhaltsangabe identifizieren. Aber warum verschwieg der OB die noch
frische Quelle seines Wissens und inszenierte sich als sein Besitzer?
Was bringt
Menschen dazu, performativ Lesefrüchte als Eigengewächse auszugeben? Geschieht
das bewusstlos oder absichtlich? Die
Quelle des Wissens soll nicht geteilt werden, denn wer offen einen anderen Autor
heranzieht, macht sich kleiner und glaubt mit der Nennung eines Lieferanten die
eigene geistige Impotenz zu offenbaren. Doch wer die Autorschaft eines anderen ohne
auszuweisen als seine ausstellt, ermächtigt sich nur solange, bis er dabei
erwischt wird. Leute, die Positionen des Wissens habituell als ihre genuin
eigenen vertreten, obwohl sie in Rezeption erworben wurden, blenden den Vorgang
des Erwerbs aus, löschen den Absender der Botschaft und negieren den Akt der
Ankopplung ans eigene Meinen. Sie kaschieren eitel ihre empfundene Einfallslosigkeit
und präsentieren sich in der Folge kompetenter als sie sind. Ihnen fehlt die
Instanz des Regisseurs, dessen Kreativität im Wissen seiner Quellen auf
bewusster Rezeption beruht.
Ausweisen
und Zitieren verzögern die Aneignung, sorgen für ein größeres Bewusstsein vom
Aneignungsprozess und eine bessere Erinnerung an den Weg der mentalen Prägung.
Eine Reflexion der eigenen Bildungsgeschichte schon im Augenblick ihres
Vollzugs und ein Gedächtnis von diesem Vorgang führen zu einer bescheideneren
Einschätzung des Subjekts des Wissens. Das Bewusstsein davon und die
Anerkennung dessen, aus Zitaten zu bestehen, haben Liberalität im Gefolge. Im
Fall Guttenberg bestand der Skandal nicht nur darin, Zitate nicht auszuweisen, von
Anderen geschriebene Textbausteine zu verwenden und damit gegen
wissenschaftliche Gepflogenheiten zu verstoßen, sondern im Wesentlichen darin, als
Person die Reflexion über den Aneignungsprozess von Wissen durchgehend zu
verweigern und auszublenden. Guttenberg behauptete mit dieser Verweigerung im
Grunde einen identitären Kern des Wissens, der ganz unabhängig von seiner
Bildungsgeschichte und der Niederschrift der Promotion existiert. Psychologisch
betrachtet geht damit eine Prädisposition für Gläubigkeit einher, politisch
gesehen für Ideologie.
Eine begleitende
Selbstbeobachtung beim Wissenserwerb ermöglicht eine genaue Erinnerung an die
Relativität persönlicher Entwicklungsstufen. Ohne Gedächtnis bezüglich der
Gewordenheit gibt es keine Offenheit, sondern ideologischen Verschluss. Die
Aneignung im Bewusstsein davon, wer es sagt oder wo es geschrieben steht,
erzeugt Gedächtnis. Die selbstgefällige Ignoranz gegenüber dem Zitatwesen hat
zur Folge die Verweigerung, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wie man
selbst diskursiv zusammengesetzt ist. Insofern Identität ein Bauwerk ist, ließe
sich auch sein Bauplan rekonstruieren, Identität ist gebaut und nicht Substanz.
Das Profil einer Persönlichkeit besteht darin, dass sie Klarheit über die
Entstehungsbedingungen ihrer Identität, ihres Wissenstandes und deren Bauplan
hat.
Die
Persönlichkeit koordiniert in eigener Regie und klarer Bewusstheit den Bau und
Umbruch ihrer Identität. Das Gedächtnis für die verschiedenen Stufen des
Bewusstseins nimmt dem ihnen zugehörigen Wissen die Allgemeingültigkeit. Die Selbstgewissheit
erwächst aus dem souveränen Blick auf die eigene geistige Entwicklung und dem
gusseisernen Gedächtnis für die fortlaufenden Verwerfungen bei diesem Prozess.
Daraus entsteht die Skepsis gegenüber Behauptungen zeitloser Wahrheiten und Ideologieresistenz.
Wer sich
selbst von außen betrachtet, findet gestaltender zum Schreiben als andere. Ein
handwerkliches, konstruktives Verhältnis zur Sprache hält ihre Inhalte auf
Distanz zur Identifikation mit ihnen. In der Wissenschaft lassen sich nur im
Dialog und in Auseinandersetzung mit der schon anerkannten Fachliteratur Wissen
entwickeln und originelle Distinktionen gewinnen. Wer dabei nicht sauber
zitiert, sondern eitel Fremdes als Eigenes ins Fenster legt, offenbart
Schwächen: mangelndes Bewusstsein, schlechtes Gedächtnis, geringe Offenheit,
identitäre ideologische und religiöse Kurzschlüsse. Das sollte nicht promoviert
werden.
Olaf Haas (Mai 2024)
Postscriptum
(November 2024):
Am
2.11.2024 hat ZEIT-Online ein Interview mit KT Guttenberg zu seiner mittlerweile
massenhaft geteilten Autorschaft auf LinkedIn veröffentlicht. Er belegt dort mit
seinen literarisch anmutenden Notizen zu Alltag und Dingen des Lebens Platz
drei der am schnellsten wachsenden Accounts: „ein Star in den sozialen Medien“.
Die Resonanz auf dieses Gespräch im Kommentarbereich der ZEIT ist primär aufgebracht
und gnadenlos – immer noch.
Unter
dem hier behandelten Aspekt bietet das Interview allerdings interessante Einlassungen
zum Thema Zitat. Häufig garniert er seine Alltagsnotizen mit einer Reflexion
und bündelt sie in einem Zitat. „Jemand sagte einmal…“, „Oder ich erinnere mich
an ein Zitat.“ „Gelegentlich ist es etwas, was ich in der Woche gelesen habe.
Das Shakespeare-Zitat hatte ich tatsächlich kurz vorher gelesen und mich
nochmals vergewissert.“
KT
zeigt heute also ein Bewusstsein davon, dass sein Denken und Schreiben aus
Zitaten zusammengesetzt ist und tut nicht mehr so, als ob alles auf seinem Mist
„glattgezogen“ sei: „Ich finde mich in vielen Zitaten wieder.“ Wenn
er nicht recherchieren mag oder kann, ist es wenigstens „jemand“, auf den er
sich beruft. Oder er weiß, es war Shakespeare und „vergewissert“ sich.
Das
Therapeutische seines Schreibens, auf das er zu sprechen kommt, liegt unter dem
Gesichtspunkt der Geburt aus dem Zitat nicht in der Beschäftigung mit den „Grundfragen
im Leben“, wie KT meint, sondern nach unserem Dafürhalten in der andauernden
Auseinandersetzung mit sich selbst im Medium der Erinnerung des von anderen
Geschriebenen/Gesagten. Wer sich in diesem Bewusstsein weiterpromoviert, ist –
auch wissenschaftlich gesehen – dem Plagiat grundsätzlich entkommen.
Den Genuss
des Autors im Oszillieren zwischen eigener Imagination und dem bewussten
Assoziieren fremder Quellen beim Schreiben kann sich KT wohl erst jetzt bereiten.